Johannes-Bobrowski-Gesellschaft e.V.
Home Termine Johannes Bobrowski Bobrowski Gesellschaft Publika-
tionen
Orte Bobrowskis Links
Downloads
Kontakt
Impressum
  
     Aktuell Rückblick





Academia Baltica

Wege nach Sarmatien.
Lebensorte Johannes Bobrowskis
im Preußenland


Eine Akademiereise
mit der Johannes-Bobrowski-Gesellschaft
vom 31. Mai bis 9. Juni 2002
nach Litauen und Königsberg
________________________________________

Rückschau auf eine denkwürdige Reise
Eberhard Haufe gewidmet
Ein Reisebericht von Dr.
Fritz Kretschmer


Bittehnen Weg zum Rombinus




Wilna Annen-und-Bernhardiner-Kirche




Wilna: Deutsche Straße / Erfurter Tage




Mickiewicz-Haus Wilna




Universität Wilna Donelaitis-Büste




Luisenbrücke Tilsit




Die Memel




Georgenburg




Buddrus




Willischken Wythes Gasthof




Bittehnen: Grab Storost-Vydunas



Rombinus Blick auf den Strom




Balga Festungsruine




Balga Frische Nehrung




Bittehnen Haus Jankus




Buddrushof Motzischken




Nidden Thomas Manns Sommerhaus



Fotos: Peter Glaßmann, Berlin

 

Die Academia Baltica in Lübeck setzte mich als Mitglied der Bobrowski-Gesellschaft Anfang des Jahres 2002 davon in Kenntnis, dass sie eine Exkursion "Wege nach Sarmatien" durchzuführen beabsichtige. Daraufhin meldete ich meine Frau und mich zur Teilnahme. Die Reise fand statt vom 31.5 bis 9.6.02 - unter außerordentlich glücklichen Umständen. Nachstehenden Notizen sind kein Reisebericht. Ein Rückblick jedoch erscheint mir aus mehrerlei Gründen angebracht.

1. schwebte uns ein thematisch ähnliches Unternehmen bereits vor nach einer Reise 1988 an die Masurische Seenplatte. Damals waren wir mit Pkw und Campinganhänger auf eigene Faust unterwegs. Das Anschluss-Vorhaben scheiterte zunächst an dem historischen Zwischenfall 1989/1990. Mit den Aufräumungsarbeiten des politischen Erdrutsches infolge des Zusammenbruches des Sozialismus in Europa wurde und wird nicht nur das "europäische Haus" total umgebaut, sondern auch ein schmuckes schwedisches Holzhaus im Spree-Eck der Stadt Erkner errichtet. Das alles brauchte Zeit. Nun endlich konnte der Wunsch in Erfüllung gehen.

2. Sarmatien wurde mir zum poetischen Begriff mit dem Erscheinen des ersten Gedichtbandes Bobrowskis 1961. Ton und Thema seiner Dichtung trafen mich wie ein Blitz. Die erweckte Zuneigung hielt an mit der Veröffentlichung jeden neuen Werkes. Den Gestus der Versöhnung mit den von Deutschen bereits im Mittelalter geschundenen ostmitteleuropäischen Völkerschaften* lernte ich in meiner Geburtsheimat während des 2. Weltkriegs im eigenen Elternhaus. Meine Wiege stand - um im poetischen Bild zu bleiben - zwar weit westlich der Weichsel, in einem Dörfchen nahe der Mündung der Glatzer Neiße in die Oder, aber doch an den äußersten Ausläufern der riesigen osteuropäischen Tiefebene. Das prägte offenbar. Und viele der Sprachbilder, beispielsweise die mit Wägelchen umher ziehenden Leute kenne ich aus meiner Kindheit. Denn im Herbst 1944 zogen die ersten Flüchtlingstrecks ("Panjewagen") durch unser Dorf, armselige und traurige Gespanne - bis wenige Wochen später, im Januar 45, wir selber aufzubrechen gezwungen waren - im Treck.

3. Die vom Leiter der Exkursion, Herrn Dr. Albrecht, vor Jahren herausgegebene Broschüre** erleichterte mir den literarischen Zugang auch zu den Vorgängern und Verwandten im Geiste von Johannes Bobrow-ski (im weiteren JB). Wir sahen mit eigenen Augen Landschaften, Stä-dte und die Spuren von Menschen, die, bewegt von den Ereignissen ihrer Zeit, ihre Eindrücke schriftlich festgehalten oder zu Kunstwerken geformt haben. Dazu gehören aus der Allgemeinbildung bekannte Namen (Simon Dach, Immanuel Kant, J.G. Herder, E.T.A. Hoffmann, Hermann Sudermann, Ernst Wiechert, Lovis Corinth, Käthe Kollwitz, Siegfried Lenz), aber ebenso mir bisher unbekannte literarische Persönlichkeiten und Denkmale. Herr Albrecht verlieh ausgewählten Texten aus dem Buch seine Stimme, angepasst dem geografischen Verlauf. * s.a. Scheuch, Manfred - Historischer Atlas Deutschland. Vom Frankenreich bis zur Wiedervereinigung - (zur Rolle des Deutschritter-Ordens).- Augsburg, Bechtermünz 2000 ** Albrecht, Dietmar - Wege nach Sarmatien. Zehn Tage Preußenland Lüneburg, Nordostdeutsches Kulturwerk 1995 - 1 - - 2 -

4. Am tiefsten berührten mich - und ich darf glücklicherweise sagen: uns beide - daraus die Berichte der Zeitzeugen aus der Mitte des vo- rigen Jahrhunderts: des Grafen von Lehndorff und Michael Wiecks. Die Schilderung von Episoden der Endzeit von Königsberg und Ostpreußen dringt nicht nur ins Mark, sondern trägt erheblich bei zum Verständnis der heutigen Situation des Kaliningrader Gebietes, einer nach dem Krieg so gut wie völlig entvölkerten ehem. preußischen Provinz durch eine rohe und verhetzte Soldateska und eine vernichtende Kriegsmaschinerie. Umso erfreulicher sind die zaghaften Versuche einer Rückbesinnung auf die Kontinuität und Unzerstörbarkeit der geistigen, der kulturhistorischen Tradition. Das zeigen sowohl die Sicherung und Wiederinstandsetzung einiger weniger alter Dorfkirchen in beiden Ländern als auch die Wiedererrichtung des Königsberger Domes. Ungebrochen dagegen erschien die Pflege des Erbes Immanuel Kants. Auch die Maxime Julius Rupps - in unmittelbarer Nähe des Doms von seiner Enkeltochter Käthe Kollwitz in Bronze gegossen - erinnert nachfolgende Generationen an ein hohes sittliches Gut: "Wer nach der Wahrheit, die er bekennt, nicht lebt, ist der gefährlichste Feind der Wahrheit selbst". - Aber die tiefen Narben im Körper der Stadt bleiben. In den Landstädten des Gebietes hält der Verfall an. Weideflächen bis an den Horizont beginnen zu verbuschen.

5. Vom allgemeinen kulturellen Niedergang nach 1945 hebt sich ebenso wohltuend die Bobrowski-Pflege in seiner Geburtsstadt Tilsit, heute Sowjetsk, ab. Das dortige, liebevoll und kenntnisreich gestaltete und betreute kleine Museum überraschte mit manchen Unikaten. Eine Gedenktafel an einem Eckhaus erinnert an JB. Und wir hatten das Glück, einen Zeitzeugen kennen zu lernen, der das Inferno überlebte - den greisen Herrn Rutmann, der uns, vielfach gestützt von Leuten aus der Gruppe, an markante Punkte führte - mit einer Mappe voller Dokumente aus jenen Tagen unter dem Arm, die er uns stolz zeigte! Der berühmten Luisenbrücke über die Memel sieht man die fehlende Denkmalpflege schon von weitem an.

6. Ein bedeutender Höhepunkt der Reise war der Empfang im deutsch-russischen Haus in Kaliningrad. Der aufschlussreiche Einführungsvortrag des Leiters der Institution - eines ehem. deutschen Diplomaten - führte die paradoxe Situation der russischen Enklave vor Augen: Infolge des zu erwartenden Beitritts der umliegenden baltischen Staaten und Polens zur EU gerät das K'er Gebiet nicht nur geografisch, sondern auch politisch ins Abseits von der Russischen Föderation. Gespräche zur Lösung des heiklen Problems sind zwar auf höchster politischer Ebene im Gange. Doch die starke organisierte Kriminalität steht einer einvernehmlichen, auf wachsendes gegenseitiges Vertrauen bauenden Lösung der mindestens drei Seiten konträr gegenüber. (Im Kleinen zeigte sich dies in einer Episode im Hotel. Aufgeschreckt durch scheinbare Eigenwilligkeiten des Personenaufzugs, suchte man aus der 3. Etage einen Treppenabgang. Es gab deren drei - bis in die 2. Etage. Dort versperrten massive Stahlgitter-Geflechte den Abstieg. Zwei Fluchttüren auf der gleichen Etage waren plombiert. Auf Nachfrage in der Rezeption hörte man dazu: aus Sicherheitsgründen. Der Fluchtweg der Gäste im Katastrophenfall wird blockiert - um sich vor Einbrechern zu schützen!) - 3 - Anschließend an Vortrag und Diskussion gestalteten Gäste und Gastgeber ein kleines, dem Werk Bobrowskis gewidmetes Programm. Es wurde dankbar und mit Beifall aufgenommen. Den Abend krönte ein üppiges Mahl in durchmischter Platzierung von Gästen und Gastgebern. Das unterstrich nicht nur die Liebe zur Literatur, sondern auch die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft nachdrücklich. Der Besuch dieser Begegnungsstätte sollte in keinem anspruchsvollen Reiseprogramm fehlen, das den Aufenthalt in der alten Krönungsstadt der Preußen am Pregel enthält. Das 750-jährige Jubiläum der Gründung Königsbergs 2005 könnte aus meiner Sicht zusammen mit einem Duocentenarium (Johann Gottfried Seumes "Mein Sommer 1805" weckt wahrscheinlich wieder Weitwanderer) ein willkommener Anlass sein, den gewaltigen Dom und das helle Haus auf einem Abstecher wieder zu besuchen.

7. Wir waren aus Litauen - von der Kurischen Nehrung kommend - in die Oblastj Kaliningrad eingereist und verließen sie über den Grenzkontrollpunkt Nesterov, dem ehem. Eydtkuhnen, wieder nach Litauen. Ich tue allen besuchten Örtlichkeiten im heutigen Litauen Unrecht, seien es Dörfer, Flüsse, Friedhöfe, Städte, Gedenkstätten, markante Plätze, Restaurants oder Hotels, wenn ich sie hier unerwähnt lasse. Insbesondere, wenn ich die Landeshaupstadt Wilnius, das alte, in mehren Gedichten Bobrowskis besungene Wilna und die jüngere Geschichte des Landes übergehe, dessen Bevölkerung sich mit Unerschrockenheit und Beharrlichkeit 1990/91 die Unabhängigkeit ertrotzte. Die später so genannte "singende Revolution" forderte Menschenleben. Aus dem Litauen-Erlebnis streife ich rückblickend lediglich einige wenige, mir bezeichnend scheinende Ereignisse:

7.1 Nach Besichtigung der Dörfer Willkischken und Motzischken nahe des Flüsschens Jura - Musik in den Ohren aller JB-Freunde - gelangen wir nach Bittehnen. Dort befindet sich ein ansehnlich rekonstruiertes massives Haus. Einst Schule, ist es heute ein Museum, das dem Andenken Martynas Jankus gewidmet ist (mit Erinnerungsstücken auch für JB), einem Mann, der sich um das litauische Nationalbewusstsein verdient gemacht hat, Zeit seines Lebens dort lebte (bis zur Vertreibung) und heute als Patriarch Kleinlitauens verehrt wird. Im anschließenden Garten werden wir sehr herzlich mit Gebäck, Kaffee und Tee sowie Löwenzahn-Honig(!) bewirtet. Hauptfigur des Treffens in spätnachmittäglichem Sonnenschein ist Birute, die langjährige Bewahrerin und Leiterin des Hauses. Der warmherzige Abschied von ihr rührt die gesamte, bereits wieder im Bus sitzende Gesellschaft.

7.2 Seit heidnischen Zeiten galt der Rombinus als Heiligtum. Geografisch ein Hügel, überragt er die Ebene deutlich und veranlasst die an seinem Fuß vorbei strömende Memel zu einer engen Schleife - wahrhaftig ein Anblick für Götter. Auch heute noch suchen ihn die Litauer gern zu hohen Festlichkeiten auf und genießen den einzigartigen Fernblick auf den Strom durch die Baumkronen. Für uns gleißte er im milden Licht der Abendsonne.

7.3 Wir hatten anderthalb Tage und zwei Nächte lang Gelegenheit, den landschaftlichen Reiz der Kurischen Nehrung von Nidden aus kennen zu lernen, mal geführt, mal der eigenen Nase nach. Die Liebe der Künstler und Maler, die das famose Gebilde der Natur zu Beginn des vergangenen Jahrhuderts für ihr Schaffen entdeckt hatten, wird spürbar. - 4 - So gelangen wir bereits in der ersten Stunde nach der Ankunft im Hotel in die Nähe der Hohen Düne, an das Denkmal für Ludwig Rhesa, dem Verfasser der litauischen Bibel, genannt Prutena, und ersten Übersetzer von Donaleitis' "Jahreszeiten" ins Deutsche. Kopfschüttelnd nimmt der Besucher die Trümmer einer Sonnenuhr von riesigem Ausmaß wahr, nur wenige Schritte abseits der beeindruckenden, aus einem Baumstamm geschnittenen, monumentalen Stele. - Mit dem kurzen Besuch des Thomas-Mann-Hauses erfüllt sich ein lange insgeheim gehegter Wunsch. Das Sommerdomizil weniger Jahre zeigt sich heute in bestem baulichem und farblichem Zustand und als erstrangige Attraktion für Besucher - von Schulklassen bis zu Mann-Verehrern. Ein Sonnenuntergang von der seeseitigen Düne aus über der Ostsee lässt an ein ebensolches Naturschauspiel 1988 von der Küste des Frischen Haffs bei Frauenberg (polnisch Frombork) denken. Der friedliche Eindruck täuscht nicht: Es schläft sich ruhig in Litauen.

7.4 Eine leidliche Kenntnis von Christian Donelaitis hatte man aus den "Litauischen Clavieren". Was aber ist dieses vage Wissen gemessen an dem Wohllaut der Hexameter seiner Dichtung "Die Jahreszeiten"! Allein dafür, dass ich in diesen Tagen jene wundersam tanzende Versform als "Hülle" des bäuerlich-elementaren Stoffes wieder entdecke, verdienten die Reiseveranstalter meinen Dank. Tollmingkehmen und seine wieder errichtete Kirche - jahrzehntelange Wirkungsstätte von Donaleitis (latinisiert Donalitius) - bewahren literaturgeschichtliche Schätze von europäischem Rang. Wen wundert es da zu erfahren, dass den "Jahreszeiten" eine ganz besondere Ehrung zuteil wurde: Sie stehen auf Beschluss der UNESCO 1977 in der "Bibliothek der Literaturmeisterwerke Europas".

7.5 Wir bekommen einen ersten Eindruck vom alten und neuen Kaunas. Ein milder Abend lädt zum Bummel entlang der Freiheitsallee (Laisves aleja) ein. Sofort fallen flanierende junge Leute in bunten historischen Uniformen auf. Des aug-erfreuenden Rätsels Lösung: es waren Statisten eines Freiluft-Spektakels, das aus Anlass des Sieges über die napoleonische Armee 1812 gegeben worden war.

7.6 Am Vorabend des Abschieds wurde den drei Hauptakteuren während der 9-tägigen Exkursion gedankt. Die Hilfsbereitschaft, Gelassenheit und Umsicht des Busfahrers wurde ebenso gewürdigt wie die unermüdliche, freundliche und sachkundige Betreuung der Gruppe durch die Reisebegleiterin Regina. Dem Häuptling des anstrengenden, auf das Wohl und die Vollzähligkeit seiner wissensdurstigen "Indianer" bedachten Unternehmens wurde sogar ein humorvolles Gedicht gewidmet - im Tonfall dem dichterischen Vorbild meines Reise-Beweggrundes Nr.1 zum Verwechseln ähnlich. Der Freund von Landkarten, insonderheit historischen, dankt an dieser Stelle der minutiösen - wenn ich einen Hauch militärischen Denkens hätte, würde ich sagen: generalstabsmäßigen - Reisevorbereitung mittels kopierter Kartenausschnitte.

8. Es war für uns beide die zweite "literatur-historische Wallfahrt" in diesem Jahr, jedoch die erste auf ausgemacht komfortable Weise der Fortbewegung. Wir genossen diesmal nicht nur das entspannende Herumkutschiertwerden im Bus, sondern darüber hinaus die Annehmlichkeiten der westlichen Zivilisation auch im mittleren Osteuropa. - 5 - Trotz ausgeprägter, durchweg liebenswürdiger Eigenheiten der Teilnehmer herrschte eine Heiterkeit, ja teils sogar Hochgestimmtheit, gewürzt durch Bonmots, kleine Boshaftigkeiten mit ironischer Distanz und Scherzen vor. Man kam sich rasch näher. Und es kamen erfreulich oft treffende Beiträge zum Thema von Seiten der Teilnehmer. Die gesellige, fröhliche Seite unseres Dichters, Erzählers und Romanciers schien die Bus-Gesellschaft zu beflügeln! Und wir konnten seiner klaren Stimme zuhören - dank vorsorglich gepackter Tonkonserven eines JB-Fans und moderner Wiedergabetechnik im Bus. - War es Zufall, dass die "Sarmatien"-Reisenden beinahe samt und sonders in der Norddeutschen Tiefebene zu Hause sind?

9. Die Stimmung einer dedizierten Reise wird nicht zuletzt durch das Wetter beeinflusst. Das Staunen über die "Zuwendung von oben" wuchs bei mir von Tag zu Tag. Am Ende, beim Besteigen des kleinen Flugzeugs der Lithuanian Airline in Wilna stand fest: Wir hatten 6 Tage ununterbrochen nahezu wolkenlosen Himmel und eine leichte Brise aus Ost/Nordost! Wir erlebten sinnlich in der ungeheuren Weite der Ebene, was ein anderer Dichter am Grabe Bobrowskis 1965 u.a. sagte: "Ein endloser, unaufhaltsamer Ostwind jagt durch diese Dichtung". -

10. Mein Wunsch an die sensibleren Individuen der "Generation Golf" ***, deren Kinder, Enkel und künftige Geschlechter wäre es, eine der wirkungsmächtigsten politischen Formeln des 20. Jahrhunderts wach zu halten und privatim in die Tat umzusetzen: "Wandel durch Annäherung". Mögen thematische Reisen, veranstaltet von der Academia Baltica zusammen mit der Akademie Sankelmark - neben dem durchaus verständlichen Heimwehtourismus ins ehemalige Ostpreußen - münden in einen "Pilgerstrom" im zusammen wachsenden Europa ohne Grenzkontrollen auch in Richtung St. Petersburg; in einen Besucherstrom unvoreingenommener, vom kulturhistorischen Reichtum mit Wurzeln entlang der alten Hanseroute nach Nowgorod Inspirierter. Mögen sich jene Gäste mehren, die die Gastgeber von der Lauterkeit und dem Bewusstsein überzeugen, dass es auch Bewohner des wieder vereinigten Deutschlands gibt, die sich künftig einer friedlicheren Tradition verpflichtet fühlen. Zu einer besseren Verständigung könnte u.a. beitragen, dass nicht nur Germanistik im Ausland betrieben wird, sondern in die Studienpläne deutscher Lehrer an deutschen Hochschulen und Universitäten wahlweise das Studium von Sprache und Kultur der kleineren, ehemals östlichen Nachbarvölker Deutschlands und heutigen Ostsee-Anliegerstaaten aufzunehmen. Und es sollte unbeirrbar und ohne ideologische Scheuklappen daran gearbeitet werden, das Russische allmählich vom Ruch der Lingua der Unterdrücker zu befreien. Nicht zuletzt darf man gespannt darauf sein, ob die in einer Wanderausstellung des öfteren gezeigten Fotos von Günter Hohage zum Thema der Reise in Buchform erscheinen werden. Dieses wie jenes käme dem künstlerischen und menschlichen Vermächtnis Johannes Bobrowskis entgegen: einen lebendigen, poetischen, zeitlos-aktuellen Anstoß zu geben auf den langen, steinigen und problematischen Weg aus der historischen osteuropäischen Verstrickung in eine gemeinsame europäische Zukunft.

*** Illies, Fabian - Die Generation Golf. - Fischer-Taschenbuch 2002

Erkner, 27. Juni 2002 Dr. Fritz Kretschmer

     

© 2002, Johannes-Bobrowski-Gesellschaft