Johannes-Bobrowski-Gesellschaft e.V.
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                                            D.B.H.
 


   […]
   Hier steht man hinter dem Prospekt, mitten in seiner Orgel. Und nimmt eine Pfeife von der Windlade. Das Zinn spürt man bis unter die Haut. Doch so, als sei auch das Zinn durchlässig, wie die Haut, gar keine sonderbare Vorstellung: man könnte eine Zinnpfeife in sich tragen, aus ihr hinaussingen, das Knistern im Metall mehr spüren als hören, es wäre nicht fremd.
   Hier hält man sie in der Hand, ein Rohr, am oberen Ende zu einem Trichter verbreitert, und hebt sie auf, in das Licht.

   Es versammelt sich um ihren trüben Glanz. Der zu antworten beginnt. Dem Licht.
  
Als schwebte sie über dem Sund. Triebe über Helsingör heran, unter glattem Himmel, auf das Flachland zu, und käme immer tiefer, und vielleicht wieder über das Wasser, das sich aufs Meer hinaus geöffnet hat, und dann zur Travemündung herein, und müßte sich wieder in die Luft erheben, vor der Hügelkette am Stülper Huck.
   Sie steht über den Hügeln, mit dem Licht um sich. Und jetzt hinab, auf die Ebene zu, langsam fliegend, beginnt sie zu tönen, und hält, hinter der Wakenitz, in der Luft, noch immer tönend. Der Wind nimmt ein bißchen davon mit, die Wakenitz hinauf, ins Ratzeburgische fort.
   Herr Organiste, ruft Pagendarm unten im Mittelschiff.

   Schrei nicht, Langer, jetzt sind die Lauten doch fort, der Daniel Erich nach Güstrow, der Leiding nach Braunschweig, die Räume stehen leer bis an die Decke, keiner mehr angefüllt mit ihren zentnerschweren Reden.

   Das ist über das aufgebaute Register hingesagt. Die Pfeife wird wieder eingesetzt, die Schalmei aus dem Oberpositiv.

   Du, Jakob, wirst die Räume nicht füllen, mit deinen Lungen nicht.

   Auch das leise. Und die Tür geöffnet. Und beim Hinausgehen aus dem Orgelgehäus, unter dem runden Türbogen: Da reichen deine Augen weiter, diese arabischen, unter der vorgerückten Stirn und dem Borstenhaar.

   Und die Treppe hinab, auf dem C angesungen: Komm. Und weiter auf dem C, über dem aufsteigenden Baß: Komm. Und den Atemzug jetzt, und weiter: Vom Libanon. Und den Halbton zum H und wieder aufs C: Gegangen.

   Herr Organiste, sagt Pagendarm.

   Und kommt, wie immer, vom Libanon, einen Hang herab, auf dem Stein, die Herde um seine Knie, gerade daß noch Raum für den nächsten Schritt bleibt: Vom Libanon gegangen.

   Nun, Cantore?

   Auch das leise.

   Pagendarm mit den letzten Schritten: Der angekündigte Bruhns aus Schleswig. Er ist da.

   Bei seinem Onkel?

   Man habe sich erst den Hohenpriestern zu zeigen, hat er gesagt, steht geschrieben.

   Also uns?

   Der Frager wartet einen Augenblick, doch Pagendarm tritt nur zur Seite, so geht er voraus, auf das Seitenportal zu
.
  
Das ist nun der Bruhns, sechzehn Jahre alt, Nikolaus Bruhns, des Violinen- und Violenspiels kundig, ein bißchen langhaarig. Steht unter dem niedrigen Portal, tut keinen Schritt herein, steht. Keine Verbeugung.
  
Ja, jetzt. Langsam wieder aufrichten.
  
Also, was ist?
   Der Herr Organist wolle verstatten.
  
Ja?
  
Der Onkel Ratsmusikant hat nach Schleswig berichtet, an den Vater, der Herr Organist werde.
  
Er wird. Geht vorbei, hinaus, die Stufen hinunter. Dreht sich um. Komm.
   Bruhns also. Ist auch vom Libanon. Sind alle diese jungen Leute dorther? Doch wohl nicht, der Leiding nicht. Und der Daniel Erich auch nicht, der will den Libanon hinauf, ist vielleicht angekommen: auf seinem Libanon Güstrow.
   Durch die offene Straße heran fegt das Licht. Darauf also zugehen, auf dieses Licht, das wie das schwedische ist, damals, das hinter mir her war, auf der Flucht hier herunter ins Nebelland. Hinter der Eider, den Seen, dem Travebogen, hinter dem Huck.

   Geht er da auch um, der Nebel, bei euch?

Er sagt Ja, der Bruhns. Wenn er aus Helsingör käme, sagte er auch Ja. Und spräche die Wahrheit. Aber er kommt nicht aus Helsingör. Von dort kommt niemand.
   Erzähl von euch da oben. Wie es ist, wenn der Nebel zerreißt, wenn das Licht über der Schlei aufzieht. Nicht wahr, eine Säule Licht? Über dem Nebel. Und das Wasser schwarz.

   Der Herr Organist wolle verstatten.
   Ja, er verstattet. Also die Orgel schlagen. Willst du. Morgen, mein junger Herr Bruhns. Der Jakob gibt dich beim Herrn Ratsmusikanten ab. Sag ihm: Morgen früh.

   Dann also auf das Werkmeisterhaus zu. Die überdachte Treppe hinauf. Den Gruß für Anna Margarethe an die Tür getrommelt. Die Stube oben im Anbau. Das Papier. Und mit der langen Feder über den ganzen Bogen geschrieben: Herr ich lasse dich nicht, du segnest mich denn à 7. Basso con 2 Violini: Tenore con tre Viole de gambe. Di D. B. H.

   Und die Abschreiber, gewöhnlich, setzen dafür: A Dieterico Buxtehude. Das ist wohl mehr?

   Und soll ich jetzt sagen: Es ist alles vorüber, es zählt nicht?

   Gut: Es ist alles vorüber, es zählt nicht.
   Du findest es auf, und es ist vorüber.

   Du findest es auf, und es zählt nicht.

   Da ist es gesagt. Und wird zurückgenommen.

   Was ist das: Gesagt?

   […]

(Auszug)  
















 

Johannes Bobrowski, Gesammelte Werke in sechs Bänden
© 1998 Deutsche Verlags-Anstalt, München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

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