Johannes-Bobrowski-Gesellschaft e.V.
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                                            Mäusefest
 


Moise Trumpeter sitzt auf dem Stühlchen in der Ladenecke. Der Laden
ist klein, und er ist leer. Wahrscheinlich weil die Sonne, die immer herein-
kommt, Platz braucht und der Mond auch. Der kommt auch immer herein,
wenn er vorbeigeht. Der Mond also auch. Er ist hereingekommen, der
Mond, zur Tür herein, die Ladenklingel hat sich nur einmal und ganz leise
nur gerührt, aber vielleicht gar nicht, weil der Mond hereinkam, sondern weil
die Mäuschen so laufen und herumtanzen auf den dünnen Dielenbrettern.
Der Mond ist also gekommen, und Moise hat Guten Abend, Mond! gesagt,
und nun sehen sie beide den Mäuschen zu.
    Das ist aber auch jeden Tag anders mit den Mäusen, mal tanzen sie
so und mal so, und alles mit vier Beinen, einem spitzen Kopf und einem
dünnen Schwänzchen.
    Aber lieber Mond, sagt Moise, das ist längst nicht alles, da haben sie
noch so ein Körperchen, und was da alles drin ist! Aber das kannst du
vielleicht nicht verstehen, und außerdem ist es gar nicht jeden Tag anders,
sondern immer ganz genau dasselbe, und das, denk ich, ist gerade so sehr
verwunderlich. Es wird schon eher so sein, daß du jeden Tag anders bist,
obwohl du doch immer durch die gleiche Tür kommst und es immer dunkel
ist, bevor du hier Platz genommen hast. Aber nun sei mal still und paß gut
auf.
    Siehst du, es ist immer dasselbe.
    Moise hat eine Brotrinde vor seine Füße fallen lassen, da huschen die
Mäuschen näher, ein Streckchen um das andere, einige richten sich sogar
auf und schnuppern ein bißchen in die Luft. Siehst du, so ist es. Immer
dasselbe.
    Da sitzen die beiden Alten und freuen sich und hören zuerst gar nicht,
daß die Ladentür aufgegangen ist. Nur die Mäuse haben es gleich gehört
und sind fort, ganz fort und so schnell, daß man nicht sagen kann, wohin
sie gelaufen sind.
    In der Tür steht ein Soldat, ein Deutscher. Moise hat gute Augen, er
sieht: ein junger Mensch, so ein Schuljunge, der eigentlich gar nicht weiß,
was er hier wollte, jetzt, wo er in der Tür steht. Mal sehen, wie das Juden-
volk haust, wird er sich draußen gedacht haben. Aber jetzt sitzt da der
alte Jude auf seinem Stühlchen, und der Laden ist hell vom Mondlicht.
Wenn Se mechten hereintreten, Herr Leitnantleben, sagt Moise. [...]  
















 

Johannes Bobrowski, Gesammelte Werke in sechs Bänden
© 1998 Deutsche Verlags-Anstalt, München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

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